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Sondersammlung - Alte Drucke
Geschichte der historischen Sammlungen der Universitätsbibliothek Mannheim

Mit der Auflösung der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Mannheim wurden deren Bestände im Jahr 1970 der Universitätsbibliothek Mannheim übergeben. Seit dieser Zeit besitzt die Universitätsbibliothek Mannheim umfangreiche und historische Sammlungen von Büchern und Zeitschriften aus dem 16. bis 19. Jahrhundert.


Sammlung Desbillons

Umfang: 23.868 Titel
Digitalisierte Werke

Im Jahr 1764 verließ der französische Jesuitenpater Desbillons nach dem Verbot seines Ordens Frankreich und siedelte auf Einladung des Kurfürsten Carl Theodor nach Mannheim über. François-Joseph Terrasse Desbillons (1711 – 1789) war dem zeitgenössischen Publikum als Fabeldichter bekannt, verstand sich selbst als Gegner der Aufklärung. Kurfürst Karl Theodor ließ die Büchersammlung auf Staatskosten nach Mannheim bringen, die er während seines Exils stetig erweiterte. Desbillons vermachte seine Sammlung testamentarisch den Lazaristen, aus deren Besitz sie an das Mannheimer Lyzeum überging, dem heutigen Karl-Friedrich-Gymnasium. 1871 ging dieser Bestand an die Wissenschaftliche Bibliothek in der Stadt Mannheim über, die anfangs vom Verein für eine Öffentliche Bibliothek und ab den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts von der Stadt Mannheim getragen wurde. Die Sammlung Desbillons wird heute von der Universitätsbibliothek Mannheim gepflegt. Sie existiert immer noch in ihrer ursprünglichen Zusammenstellung und präsentiert mit einzigartigen Werken eine wichtige Quelle.
Die Sammlung Desbillons ist mit 23.868 Titeln die umfangreichste geschlossene Sammlung der historischen Bestände der Universitätsbibliothek Mannheim und ist nach einer zeitgenössischen Systematik erschlossen, die zum Typus der sogenannten französischen Klassifikation gehört, die von Gabriel Naudé (1627) bis hin zu Jacques Charles Brunet (1810) weit verbreitet war:
•    Das Fach „Theologie“ ist in die Teildisziplinen „Heilige Schrift“, „Konzilien“, „Liturgie“, „Kirchenväter“ und „Dogmatik“ untergliedert. Der Bereich „Jurisprudenz und Wissenschaften“ weist die Teilbereiche „Jurisprudenz“, „Philosophie“, „Physik“, „Naturgeschichte“, „Medizin“, „Mathematik“ und „Künste“ auf.
•    „Belles Lettres“ untergliedern sich in „Grammatik“, „Rhetorik“, „Dichtung“ sowie „Philologie“.
•    Die Geschichte ist in die folgenden Teildisziplinen unterteilt: „Geographie“„Chronologie“, „Kirchengeschichte“, „Geschichte der alten Reiche“, „Geschichte der bestehenden Reiche“, „Historische Hilfswissenschaften“, „Altertümer“, „Literaturgeschichte“, „Biographien“ und „Sammlungen“.
Da die Büchersammlung vollständig im Südwestdeutschen Bibliotheksverbund katalogisiert und damit im Katalog der Universitätsbibliothek Mannheim recherchierbar ist, konnte ein virtuelles Bücherregal erzeugt werden, das ein Browsen durch diesen Bestand ermöglicht (vgl. http://www.bib.uni-mannheim.de/498.html).
Der handschriftliche Nachlass von Desbillons – ebenfalls im Besitz der Universitätsbibliothek Mannheim - besteht aus annähernd 1.000 Blättern mit Briefen, literaturkritischen Notizen, Entwürfen und abgeschlossenen literarischen Werken in französischer und lateinischer Sprache.


Sammlung Mammelsdorf

Umfang: 4.336 Titel
Digitalisierte Werke

Die Sammlung Mammelsdorf beinhaltet seltene sowie für die nationale und internationale Forschung bedeutende und häufig nachgefragte Werke. Die Bedeutung der Sammlung wurde zuletzt von dem renommierten Lateinamerika-Historiker Horst Pietschmann anlässlich seiner Verleihung des Premio-Banamex-Preises für mexikanische Regionalgeschichte unterstrichen.  Der Bestand geht auf den in Mannheim geborenen Julius Mammelsdorf (1839-1902) zurück, der als Bankier weltweit und in Mexiko als Direktor der Banco de México tätig war. Mit seinem durch seine wirtschaftlichen Aktivitäten erworbenen umfangreichen Vermögen erwarb er zahlreiche Bücher und Kunstgegenstände. In seiner Büchersammlung finden sich viele für die Geschichte und Kultur Mexikos relevante Titel, die er während seines Aufenthalts vor Ort von Klöstern kaufte, die sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage befanden. Die Titel stammen aus der Zeit vom 16. bis zum 19. Jahrhundert.


Mannheimer Hofbibliothek

Umfang: 4.300 Titel
Noch keine digitalisierten Werke

Nachdem 1720 Kurfürst Karl Philipp (1716-1742) seine Residenz von Heidelberg nach Mannheim verlegt hatte, wurde hier eine neue Hofbibliothek aufgebaut. Ihren Grundstock bildeten die Hausbibliotheken der Neuburger und der Sulzbacher Linie der pfälzischen Wittelsbacher. Sie wuchs bis zum Ende des 18. Jahrhunderts auf die damals nur von wenigen Bibliotheken erreichte Größe von 90.000 Bänden an. Besonders gefördert wurde sie von Kurfürst Karl Theodor (1742-1799), der einen prachtvollen barocken Bibliothekssaal errichten ließ (1756). Hier fanden die Sitzungen der 1763 gegründeten Kurpfälzischen Akademie der Wissenschaften statt. Die Hofbibliothek galt fremden Bildungsreisenden als eine der Sehenswürdigkeiten Mannheims. Beim Übergang Mannheims an Baden im Jahre 1803 wurden ihre Bestände als Wittelsbachisches Hausgut zum größten Teil nach München gebracht, die sich heute im Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek befinden. Nur 4.300 Titel - vor allem theologische und juristische Werke - sind heute noch im Mannheimer Schloß vorhanden.


Lesegesellschaft Harmonie


Umfang: 1.867 Titel
Noch keine digitalisierten Werke

Später als in vergleichbaren Städten wurde in Mannheim - erst nach dem Verlust der Hofbibliothek - eine Lesegesellschaft gegründet. Sie verschaffte ihren Mitgliedern die Möglichkeit, die neuesten Zeitungen, Zeitschriften und Bücher aus Politik, Literatur und Wissenschaft zu Hause oder in den Gesellschaftsräumen zu lesen. Daneben erhielt sie älteren Bücherbesitz Mannheimer Familien zum Geschenk, so daß ihre Sammlung bald auch historische Tiefe bis ins 17. Jahrhundert und noch weiter zurück gewann. In ihr dominieren die Schöne Literatur, historische Werke und Reisebeschreibungen in deutscher Sprache. Bemerkenswert stark sind auch französische (21%) und lateinische (17%) Texte vertreten. Leider konnte die Stadt, als die Bibliothek mit insgesamt über 20.000 Bänden 1930 zum Verkauf stand, nur ein gutes Drittel davon erwerben. Der Rest ist in alle Winde zerstreut oder auch im 2. Weltkrieg vernichtet worden.


Jesuitenkolleg Mannheim

Umfang: 1.867 Titel
Noch keine digitalisierten Werke

Mit dem katholischen Kurfürsten kamen 1720 auch die Jesuiten nach Mannheim. Ihre Bibliothek wuchs, gefördert durch Stiftungen des Kurfürsten und Vermächtnisse von Hofleuten, bis zur Aufhebung des Ordens auf knapp 6.000 Bände an. Mit der Sammlung Desbillons wurden die Bestände 1807 vom katholischen Gymnasium in das interkonfessionelle Großherzogliche Lyzeum (heute: Karl-Friedrich-Gymnasium) eingebracht. Dieses übergab beide Sammlungen 1871 der neugegründeten Öffentlichen Bibliothek im Mannheimer Schloß als Dauerleihgabe. 1743 erhielt sie ca. 1.100 Bücher aus dem Besitz des kurpfälzischen Diplomaten Cramer von Clausprug und 1758 ca. 200 Bände aus dem Nachlaß des Hofbeichtvaters Franz von Seedorf SJ.


Sammlung Weickum


Umfang: 4.201 Titel
Digitalisierte Werke

Johann Jacob Weickum (1770-1834) studierte Klassische Philologie bei dem berühmten Friedrich August Wolf in Halle und war vierzig Jahre lang als Lehrer und Konrektor in Mannheim tätig. Mit geringen Mitteln erwarb der unverheiratete Mann etwa 3.000 Bände, die er testamentarisch seinem Gymnasium vermachte. In seiner Sammlung dominiert noch das Lateinische mit etwas mehr als der Hälfte der Titel; doch ist die deutsche philosophische und pädagogische Literatur seiner Zeit ebenfalls gut vertreten. Die Bestände kamen 1930 als Dauerleihgabe vom Karl-Friedrich-Gymnasium in die Städtische Schloßbücherei Mannheim (die spätere Wissenschaftliche Stadtbibliothek).


Rechercheinstrumente:
Online-Katalog Primo
Inkunabelkatalog INKA der UB Tübingen für Inkunabeln
Katalog der Bibliothek des Mannheimer Vereins für Naturkunde
Max Oeser: Neues Verzeichnis des handschriftlichen Nachlasses ... Desbillons. Mannheim, 1924, 16 S. (masch.schr.)


Weiterführende Literatur:

Pierre Dubois: Le P. Desbillons. Bourges, 1887, S. 154-162.
Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland. Baden-Württemberg, Bd. 2, S. 132-140. Hrsg. v. Bernhard Fabian. Stuttgart 1994.

Hänger, Christian: Die Sammlung Mammelsdorf, Jahrbuch für europäische Überseegeschichte, 2011, 201ff.

Maag, Georg (Hrsg.): Ein antiphilosophisches Experiment im 18. Jahrhundert: F.-J. Terrasse Desbillons. Mannheim, 1986 (MANA; 5)

Makowski, Ilse: Emanzipation oder "Harmonie" - zur Geschichte der gleichnamigen Mannheimer Lesegesellschaft in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts. München (usw.), 1988.

Oeser, Max: Kurzer Führer durch die Bibliothek Desbillons und die ihr angeschlossenen Büchersammlungen. Mannheim 1926 (https://ub-madoc.bib.uni-mannheim.de/35957/)

Schibel, Wolfgang: Die Aufklärung der Mäuse. Der Fabeldichter Desbillons als Kritiker Voltairs. In: Mannheimer Geschichtsblätter. N.F. (1997), S. 245-258

Wiegand, Herrmann: Zwei geistige Antipoden am Hof Carl Theodors. Voltaire und Desbillons, in: Lebenslust und Frömmigkeit. Kurfürst Carl Theodor (1724 - 1799) zwischen Barock und Aufklärung, Regensburg 1999, 159-165.

Wiegand, Herrmann: Ein lateinischer Lafontaine in Mannheim. François-Joseph Terrasse Desbillons, in: Kunze, M. (Hg.): Der Pfälzer Apoll. Kurfürst Carl Theodor und die Antike an Rhein und Neckar, Mainz 2007, 154-56.