Carivari

Christiane Baumgartner & Sabine Golde: Künstlerbücher | Grafiken | Unikate

Ausstellungs­ort: Bibliotheks­bereich A3 (A3, 6–8), 2. OG
Dauer: 4. Mai–18. Juni 2004
Organisation: Universitäts­bibliothek Mannheim

Carivari kann Wirrwar, Katzenmusik, Radau oder auch Krach bedeuten. Als Edition für Künstlerbücher, Kleinauflagen und Multiples wurde der Verlag Carivari 1992 in Leipzig von Sabine Golde und Christiane Baumgartner gegründet.

Mittlerweile entstehen neben aufwändigen Pressedrucken auch Bücher im Offset- und Siebdruck, die von der Stiftung Buchkunst zu den „schönsten deutschen Büchern“ gewählt wurden.

Sabine Golde und Christiane Baumgartner durchforsten die unendlichen Weiten (buch-)künstlerischer Gestaltungs­möglichkeiten.

Das Oeuvre reicht vom „handgemachten“ originalgrafischen Buch, in Blei gesetzt, bis hin zum Offset-Buch mit vierfarbigen Videostills. Autoren sind unter anderem John Cage, Heiner Müller, Erik Satie, Nicolaus Sombart, Roland Girtler, Vittorio Sereni und Hans Blumenberg sowie Paul Virilio, Albrecht Fabri, Allen Ginsberg, Mercè Rodoreda und Cornelius Hofer.

Ob mit Walze und Linolschnittfarbe oder mit Quark-x-press am Mac, ob handgeschöpftes Papier oder/und mit größter Präzision in Holz geschnittene, vorher mit Computer genauestens kalkulierte Bild­information, ob multimediale Objekte in groben Pappdeckeln oder Abdrucke von japanischen Kanaldeckeln: Hier findet sich innovative Drucktechnik neben Bleisatz vereint mit Videokunst und musikalischer Finesse.

Sabine Golde und Christiane Baumgartner sind bei der Ausstellungs­eröffnung am 4.5.2004 anwesend. Es spielt das Mannheimer Bar-Jazz-Duo Bluemoon.

Virilio, Paul: Speed (Geschwindigkeit = Stillstand)

Standbilder eines unter bestimmter Geschwindigkeit aufgenommenen Videos sind maßgeblich für diese Abfolge von Landschafts­bildern. Faszinierend hierbei ist, dass Bewegung plötzlich als Lineatur gesehen wird und ein abstraktes, scheinbar bewegungs­loses Bild entsteht. Der Begriff der Geschwindigkeit wird relativiert.

Brodsky, Joseph: Weniger als man/Less than one

Texte in deutsch und englisch aus Brodskys „Memories of Leningrad“. Holzschnitte aus diesem Jahrtausend: ursprünglische Videostills von städtisch/industriellen 'Landschaften', wie unscharfe Fernsehlinien im Pausenstand, in Holz geschnitten und von Hand gedruckt. Aus der Nähe irritierende Op-Art, aus dem Abstand poetisch-elegische Impressionen, die den vergleichsweise 'alten' Text kongenial ergänzen.

Satie, Erik: Sports & Divertissements

1914 schrieb Satie kurze Musikstücke und skurrile Texte zu den Graphiken von Charles Martin, die vierfarbig im Art-Deco-Stil ausgeführt waren. Dieses Gesamtkunstwerk aus Komposition, Kalligraphie, Zeichnung und Buchkunst (EA in 215 Ex.) blieb in Saties Schaffen einzigartig und kommt hier als 'Reprint' im Gewand moderner Bibliophilie erneut daher: die Übersetzungen der Texte ins Deutsche und Englische legen sich transparent über die hochwertigen Offsetreproduktionen der pochoirkolorierten Illustrationen. Mit einer CD der Klavierstücke, gespielt von Steffen Schleiermacher.

Im Vorwort zu seiner Partitur vermerkte Satie: „Diese Veröffentlichung besteht aus zwei künstlerischen Elementen: Zeichnung, Musik. Der zeichnerische Teil besteht aus Strichen -- Geistesblitzen; der musikalische Teil wird durch Punkte -- schwarze Punkte -- dargestellt. Diese beiden Teile zusammen -- in einem einzigen Band -- bilden ein ganzes: ein Album. Ich empfehle, diesen Band mit freundlicher & vergnügter Hand zu durchblättern, da es sich um ein Werk der Phantasie handelt. Man sollte nichts anderes darin sehen. Für die „Gekrümmten“ & „Verdummten“ habe ich einen ernsten & anständigen Choral geschrieben. Dieser Choral ist eine Art bissige Vorrede, eine Art strenge & züchtige Einleitung. Da habe ich alles hineingepackt, was ich über den Verdruß weiß. Dieser Choral sei jenen gewidmet, die mich nicht mögen. Ich ziehe mich zurück.“

„Klänge sind nicht nur Klänge, sondern Buchstaben“ lässt John Cage den Sprecher irgendwann innerhalb der 45´ sagen. Der Text basiert auf gehaltenen Vorträgen und hat eine rhythmische Struktur, die zum einen durch das Zeitgerüst vorgegeben ist, zum anderen durch typografische Auszeichnungen, die bestimmen, wann laut, leise oder normal gesprochen werden soll. Auf der zum Buch gehörenden CD ist der von Cage zum gelesenen Text komponierte, oft als unspielbar bezeichnete Klavierpart zu hören; hier in einer Interpretation für präpariertes Klavier von Steffen Schleiermacher.

Cage, John: Tagebuch

„Das Diary ist ein Mosaik von Ideen, Aussagen, Wörtern und Geschichten. Es ist auch ein Tagebuch. Für jeden Tag legte ich durch einen Zufallsprozeß fest, wie viele Teile des Mosaiks ich schreiben würde und wie viele Wörter jeder Teil beinhalten würde. Die Zahl der Wörter pro Tag sollte einhundert betragen.“
John Cage

John Cage (1912–1992), Nestor der Neuen Musik und der Akustischen Kunst, Dichter, bildender Künstler, Zen-Philosoph und Pilzforscher. Sein umfangreiches intermediales Schaffen übt einen nachhaltigen Einfluss auf die Kunst aus. Seine frühe kompositorische Einbeziehung des Tonbands und des Radios als Klangquellen sowie die Integration von Alltagsgeräuschen haben der Komposition neue Wege geöffnet. Aus seiner Arbeit mit Zufalls­verfahren, ausgehend von dem alt-chinesischen Orakelbuch I-Ging, entstanden Schlüsselwerke der Musik, der Lautpoesie und der Akustischen Kunst.

Neben seinem musikalischen Schaffen und damit eng verbunden, entstand ein umfangreiches poetisch-philosophisches Werk. Viele dieser poetischen Texte sind Sprechtexte, akustische Poesie.

Sereni, Vittorio: Die Farbe der Leere

Fragmente von Gedichten in einer Sereni Anthologie wurden getrennt gesetzt und zwischen den italienischen Originalen mit deutscher Übersetzung arrangiert. Wird der Schutz­umschlag entfernt, lässt sich das Buch komplett 'auffalten'.